"Trauer nachholen"
In der Familie von Evelyn (Name geändert) gab es merkwürdige tragische Todesfälle. Ihr Bruder und ihre Schwester starben beide mit etwa 30 Jahren durch Unfälle. Sie war die einzige von 3 Geschwistern die noch lebte. Ein Mast stürzte auf ihr Auto, zum Glück nur Sachschaden. Je ein Kind des Bruders und der Schwester war früh gestorben.
Evelyn wollte eine Familienaufstellung machen, weil ihr 12-jähriges Mädchen immer wieder krank war. Mit verschiedenen Schmerzen wurde es im Krankenhaus ohne Ergebnis untersucht, Evelyn hatte verständlicherweise große Angst.
In diesem Seminar machten fast alle zum ersten Mal eine Familienaufstellung mit.
Zuerst wurden nur 2 Stellvertreterinnen aufgestellt, eine für Evelyn und eine für das Kind. Beide schauten auf den Boden und schwankten. Das ist oft das Zeichen dafür daß sie auf Verstorbene schauen. Nur der Leiter wußte von Evelyns toten Geschwistern. Hätte er es nicht gewußt - die Aufstellung zeigte es jetzt daß es Tote gibt die eine Bedeutung haben. Er ließ nun Vertreter für Bruder und Schwester von Evelyn sich ins Blickfeld auf den Boden legen.
Was dann geschah, war erstaunlich. Die Vertreterin für das Kind fühlte sich zu den beiden liegenden hingezogen und kauerte sich dazu. Die Vertreterin von Evelyn drehte sich erst um und ging in die Ecke. Dabei knickten ihr fast die Füße ein. Dann überwand sie sich hinzuschauen, ging langsam zurück, kniete sich zu den Toten und weinte. Jetzt ging Evelyn selbst in die Aufstellung hinein, kniete sich zu der Vertreterin ihrer Schwester, die erst vor 3 Jahren verstorben war, weinte und umarmte sie. Sie hatte in Wirklichkeit noch nie um ihre Schwester trauern können. Die Szene war sehr bewegend. Die Vertreterin des Kindes wurde in den Schutz eines Vertreters für den Vater gestellt.
Der Leiter machte nun noch etwas zusätzlich. Er ließ eine Stellvertreterin für "das Geheimnis" sich im Hintergrund einfühlen. Die sah vor ihrem inneren Auge ein Massengrab, auf das schnell Erde geschaufelt wurde, und fühlte "viele Tote".
Diese vielen Toten wurden wie in einer Andacht von allen zusammen gewürdigt und anerkannt. Es geht hier nicht um eine Anklage, selbst wenn ein Täter oder Kriegsmörder in der Familie gelebt hat, sondern um Trauer um Täter und Opfer zugleich, um allen die ihrem Schicksal angemessene Ehre zu geben, ihnen mit Liebe eine gute Reise ins Licht zu wünschen und sie um ihren Segen für die Lebenden zu bitten.
Dies wurde von der ganzen Seminargruppe als sehr ergreifend erlebt. Auf der einen Seite standen die Lebenden, auf der anderen die Toten, und schauten einander mit Achtung und Liebe an. Es war als ob ein Druck verschwunden wäre (der schon Tage vor dem Seminar von den Leitern gespürt worden war) und Liebe und Frieden war im Raum zu spüren.
Wenn wir die Toten ehren und mit Liebe anschauen, wirken sie nicht mehr bedrohlich auf uns, sondern wie ein Segen. Der Drang, ihnen nachzufolgen, hört auf. Die Kinder - und das sind angesichts der Toten wir alle - dürfen sich zurückziehen, in die Zukunft schauen, mit einer guten Kraft die uns den Rücken stärkt.
Die Aufgabe für Evelyn und ihre Familie ist nun, das was sichtbar wurde ernst zu nehmen. Nicht die Aufstellung löst etwas für die Zukunft, sondern das, was durch die Aufstellung möglich wird: Die Trauer um die Verstorbenen, eine Grundhaltung der Achtung vor den früheren schweren Schicksalen der Familienmitglieder. Wenn man es - dem Hintergrund der Familien entsprechend - in einer religiösen Sprache ausdrückt: Das Gebet für die Verstorbenen, auch die Unbekannten, hilft ihnen, und auch schon uns, wir schauen dadurch weg von unseren im Vergleich dazu kleinen Problemen und Symptomen. Und es scheint als ob diese Unsichtbaren dann auch uns irgendwie einen Segen geben, so daß es uns Lebenden, Eltern und Kindern, besser geht.
Deutsch
English