Monday Seminars

Kurse von Jutta Montag und Dr. med. Günther Montag

Fragen und Antworten zu den Familien-Aufstellungen

 

von Dr. med. Günther Montag

 

Ich möchte auf einige häufig gestellten Fragen eingehen.


 

Welche Vorstellung über die Entstehung von Krankheit hat zu den Familienaufstellungen geführt?

Manchmal sehen wir Kindern beim Spielen zu und staunen, wie sie mit Hingabe eine Rolle spielen und sich exakt in Andere einfühlen können. Aber auch im Ernst tun sie das. In manchen Familien vertreten Kinder unbewusst jemanden, der in einer Familie nicht gesehen wird, obwohl er doch dazugehört. Das kann ein früh verstorbener Großvater oder Großmutter sein, ein früherer Partner von Vater oder Mutter, oder eine früh verstorbene Schwester oder Bruder, auch ein abgetriebenes Kind oder ein Zwilling der nicht bis zur Geburt am Leben blieb. Ein Kind in dieser Familie fühlt wie die ungesehene Person und lebt wie sie. Als ob das Kind innerlich sagen würde "ich für dich". Das kann eine tiefe Ursache für seelische Krankheit, Verwirrung, Unruhe, seltsames Verhalten, Schwermut, und auch körperliche Krankheit und eine Neigung zu Unfällen sein, führt aber zu keiner Lösung, auch nicht wenn diese Kinder erwachsen geworden sind. Sind einige von uns sind solche Kinder? Man könnte es das „Stellvertreter-Phänomen“ nennen.

 

Wirkt dieses Stellvertreter- Phänomen nur in Familien?

Nein. Das Grundprinzip ist, jemand der später in eine Gruppe gekommen ist, vertritt einen Früheren, falls dieser ausgeschlossen oder nicht geachtet wurde. Es zeigt sich in Familien, aber auch im Berufsleben, wobei oft die Familienkonstellation sich am Arbeitsplatz widerspiegelt. Auch in einer Gruppe von Helfern, die über Patienten spricht (z.B. in Balint-Gruppen oder Supervisionsgruppen) beobachtet man oft, daß verschiedene Teilnehmer dieser Gruppe sich mit verschiedenen Personen aus der Familie des jeweiligen Patienten identifizieren. Dieses Phänomen erklärt auch, warum manche Patienten z.B. in einem Krankenhaus das Team spalten! Das ist nichts Neues. Das Neue ist nur, es wird bei den Aufstellungen bewußt eingesetzt.

 

Könnte ein Zusammenhang, der krank macht, auch in umgekehrter Richtung zum Heilen helfen?

Ja! Dieses Stellvertreter-Phänomen wirkt auch bei den Aufstellungen. Für einen Teilnehmer der Gruppe, der eine Aufstellung macht, stellen sich andere Teilnehmer als Stellvertreter zur Verfügung. Sie stehen dann im Raum für jemand aus der Familie des Klienten, den sie nicht kennen. Sie fühlen die Gefühle dieser Person, oft auch körperlich, zum Beispiel tut ihnen vorübergehend eine Körperstelle weh die der betreffenden Person weh tut, sie bewegen sich und sprechen und schauen vorübergehend so wie diese andere Person. Die Aufstellung ist also mit der wirklichen Familie in Verbindung. Wir erleben diese Verbindung als zweiseitig, von der Aufstellung gehen ordnende Impulse auf die wirkliche Familie aus.

 

Kann man dieses "Stellvertreter- Phänomen" erklären?

Ein Versuch ist die Vorstellung eines Kraftfelds, das Informationen überträgt. Etwas entsprechendes kennen wir ja,  das elektromagnetische Feld, es wirkt zum Beispiel beim Radio, Handy oder W-Lan. Scheinbar hat jeder Mensch solch ein persönliches Kraftfeld, aber auch jede Familie hat ein gemeinsames Kraftfeld. Es wirkt auch über weite Entfernung. Es wirkt auch über den Tod hinaus. Es wirkt in beide Richtungen.

 

Wie läuft eine Aufstellung ab?

Aufstellungen finden in einer Gruppe statt. Wer ein Anliegen hat, wählt aus der Gruppe Stellvertreter, die er nicht kennt, für sich und für die Personen um die es geht, und stellt sie nach seinem Gefühl im Raum in Beziehung zueinander auf. Auch für eine "Störung" oder ein Symptom kann ein Stellvertreter stehen. Wie in einem Bild wird dann deutlich, wie in dieser Familie wer zu wem steht und wer fehlt. Die spontanen, oft auch körperlichen Reaktionen der Stellvertreter zeigen, wie etwas ausgeglichen werden kann, zum Beispiel ob jemand für einen Anderen etwas übernommen hat. Wir suchen durch schrittweises Umstellen eine Lösungsaufstellung. Dabei findet jeder, auch die bisher Ausgeschlossenen, seinen angemessenen Platz, an dem er sich gut fühlt. Die gefundene Lösung kann durch heilsame Sätze vertieft werden, die ausgesprochen werden und mit großer Kraft in die Tiefe wirken. Beispiel: "Jetzt sehe ich dich, und ich achte dich, und ich lasse das bei dir, was zu dir gehört". Diese Lösungssätze werden in jeder Aufstellung neu gefunden. Manchmal gibt es keine "vollkommene" Lösung - aber etwas kommt in Bewegung.

 

Zu welchen Themen kann man Aufstellungen machen?

Aufstellungen sind hilfreich zu Fragen des Miteinanders in Familie, Beruf und Organisationen. (Beispiel für Aufstellungen in der Organisationsberatung) , bei Entscheidungen, und Aufstellungen helfen oft den Zusammenhang zwischen Krankheit und der Seele zu verstehen, und unterstützen so das Gesundwerden, zum Beispiel bei chronischen Schmerzen.

 

Kann man Aufstellungen auch im Einzelgespräch machen?

Nur begrenzt, ein kleiner Ersatz für "lebende" Aufstellungen sind zum Beispiel Aufstellungen mit kleinen Figuren auf dem Tisch. Aber die kann man nicht so gut fragen, wie sie sich fühlen! Trotzdem haben sie oft schon einiges ans Licht gebracht, und in Einzeltherapien geholfen. Mancher Klient hat durch die Figurenaufstellung Mut zu einer "lebendigen" Aufstellung in einer Gruppe bekommen.

 

Was ist der Unterschied zwischen der klassischen und der neuen Form der Aufstelllung?

In unseren Seminaren beginnen wir oft zum Eingewöhnen mit der klassischen Form und gehen dann in die neue Form über. Die klassische Form ist noch mehr mit dem Verstand nachvollziehbar. Der Klient schildert sein Anliegen, Stellvertreter für bekannte Personen werden aufgestellt, nach ihren Gefühlen gefragt, bei Bedarf umgestellt bis eine Lösung sichtbar wird. In der neuen Form wird noch weniger Information vom Klienten benötigt. Es gibt nur sehr wenige Stellvertreter, die oft nicht wissen wen sie vertreten, sie dürfen sich nach einer Zeit der Sammlung intuitiv bewegen, der Leiter greift wenig ein. wir verlassen uns noch mehr auf eine Kraft die noch über das erwähnte Familien-Kraftfeld hinausgeht, und von der wir wenig wissen - nur daß sie uns allen mit gleicher Liebe zugewandt ist. und das Getrennte zusammenführt .

 

Was ist die Bedingung, daß Aufstellungen gelingen?

Familienaufstellungen soll man nicht aus Neugier machen, sondern nur wenn man ein ernsthaftes Anliegen hat. Ein erfahrener Leiter ist nötig. Aufstellungen gelingen nur mit Liebe und Achtung vor allen die zu unserer Familie gehören, und im Einklang mit dem Größeren, das uns trägt.

 

Macht jeder im Seminar eine Aufstellung?

Alles in den Seminaren ist für alle. Schon bei der geführten Medtation am Anfang des Seminars, und beim Zuschauen oder Stellvertreten für Andere klärt sich für viele etwas Eigenes, ohne eigene Aufstellung, und ohne daß die Anderen davon wissen. Es gibt kurze und lange Aufstellungen und auch andere Wahrnehmungsübungen in Kleingruppen, an denen alle teilnehmen können. Darum gibt es keinen Extra-Preis und auch keine Garantie für eine eigene Aufstellung.

 

Wie wird bei den Seminaren die Privatsphäre geschützt?

Für die Aufstellungen und Übungen braucht man fast gar keine Information. Man braucht also nicht viel in der Gruppe zu erzählen. Die Aufstellungen sind fast ohne Worte. Man kann sogar „anonyme“ Aufstellungen machen, wo nur der, der das Anliegen hat, weiß welcher Stellvertreter für wen steht. Natürlich ist nach den Seminaren Schweigepflicht für die persönlichen Dinge die wir erfahren haben.

 

Kann jeder zu solchen Seminaren kommen?

Ich möchte die Teilnehmer gern vorher persönlich kennenlernen und bemühe mich, sie so auszuwählen, daß sich jeder in der Gruppe wohlfühlt. Und ich brauche sozusagen eine innere Erlaubnis ob ich etwas für jemanden  machen darf..

 

Kann man sich auf eine Aufstellung vorbereiten?

Weil wir ja Verstandestiere sind, die alles verstehen wollen: die Beispiele hier lesen oder in www.hellinger.com und natürlich die empfohlenen Bücher. Bereit sein an die Eltern und Familie mit Achtung zu denken, eigene Gefühle zu hinterfragen, Eigenanteile an gegenwärtigen Konflikten zu sehen. Manchmal ist es hilfreich, Eltern oder Verwandte, natürlich mit Respekt, nach Familiengeheimnissen oder besonderen Schicksalen in der Familie zu fragen - zum Beispiel: Gab es Kinder die nur kurz bleiben durften, auch ungeborene? Wurde jemand ausgeschlossen? Hat jemand einen besonderen Weg gewählt? Das ist die Vorbereitung für den Verstand. Aber man kann die Aufstellung nicht planen. Es läuft immer anders. Und was braucht die Seele? Zeit der Stille, meditieren, sich öffnen für die Liebe, die an dein Herz klopft.

 

Gibt es auch Aufstellungen ohne Lösung?

Lösungen kann man nicht "machen". Sie werden uns geschenkt. Uns wird nur der nächste Schritt gezeigt. Die Aufstellung ersetzt nicht das praktische Leben - sie bringt nur etwas in Bewegung. Manchmal muss man eine Aufstellung abbrechen - doch der Abbruch ist eine sehr wirksame Intervention. Das Anschauen des Ist-Zustandes klärt etwas und führt uns zum angemessenen Ernst, setzt Kraft zum weiteren Suchen und zur Selbstheilung frei. Allerdings, manche Menschen möchten in Wirklichkeit jetzt noch keine Hilfe und können sie dann auch nicht annehmen. Sie spüren, sie müssen jetzt erst noch Erfahrungen machen. Sie haben ein Recht auf diese Erfahrungen. Das muß ein Helfer respektieren, wenn er nich Schaden leiden will.

 

Was sind die kurzfristigen Nachwirkungen von Aufstellungen?

Es wirkt bewegend, man ist am Tag danach oft müde, es war ja eine seelische Arbeit. Auch ohne eigene Aufstellung kann eine Stellvertreter- Rolle noch eine Zeitlang nachklingen und an Eigenes erinnern. In der Zeit danach braucht man Ruhe, die freie Natur, und vielleicht auch eine stille Zeit an einem Grab.

 

Was sind die langfristigen Nachwirkungen der Aufstellungen?

Wir verstehen einander besser. Vielleicht kann eine noch nicht durchgemachte Trauer vollendet werden. Vielleicht findet eine Versöhnung statt. Wir beenden heimliche Vorwürfe, zum Beispiel an die Eltern. Wir entlassen sozusagen jemand aus einem inneren unsichtbaren Gefängnis, in dem wir ihn festgehalten hatten. Das braucht natürlich Zeit - nicht die Aufstellung erledigt es für uns, aber wir werden durch sie angeregt zu einer geistigen Arbeit. Nach einer Zeit darf dann das Schwere für immer vorbei sein. Neues wächst. Wir entdecken die verborgene Liebe in uns, und sie kann wieder fließen. Wir finden unseren Platz in unserer Familie. Wir erleben dabei eine gute Kraft, die gleichzeitig das in uns Getrennte und die in der Familie Getrennten zusammenführt. Dann spüren wir und die anderen zugleich Wärme, Liebe und Verbindung.

 

Braucht man Nach-Betreuung nach einer Aufstellung?

Ich bemühe mich um Zusammenarbeit mit Hausärzten, Helfern und Therapeuten der Seminarbesucher und ermutige, mit diesen Kontakt zu halten. Es gibt eine schöne Vielfalt an Therapieverfahren, die sich ergänzen. Viele Ärzte und Therapeuten besuchen selbst meine Seminare. Für Fragen nach einem Seminar bin ich per Telefon und Email zu erreichen. Es ist normalerweise gut, nach einer Aufstellung das Erlebte ruhen und wirken zu lassen, ohne viel zu reden oder sofort äußerlich im Verhalten etwas zu ändern. So sammelt sich Kraft für die richtigen Schritte zur richtigen Zeit.

 

Wie viele Aufstellungen braucht man in der Regel?

Das Wesentliche löst sich oft in nur einer Aufstellung, und bleibt gelöst. Nur manchmal sind mehrere Aufstellungen sinnvoll, in Stufen vom Nahen zum Früheren, also von der Gegenwartsfamilie zur Ursprungsfamilie, vielleicht dann noch zu einem zurückliegenden Geheimnis, das jetzt noch wirkt. Aber das zeigt die Zeit. Mindestens einige Monate Abstand zwischen den Aufstellungen ist wichtig.

 

Wie sind Sie selbst auf das Thema „Familienaufstellungen“ gekommen?

Es gibt Fälle, wo herkömmliche Therapien scheitern weil sie sich vorwiegend auf der Ebene des "Ich" bewegen. Auf der Suche, um mehr in der Tiefe helfen zu können, zeigten mir Bücher von Bert Hellinger Zusammenhänge jenseits des „Ich“. Zum Beispiel übernehmen manche von uns aus Liebe für die Eltern oder Geschwister unbewusst etwas Schweres. Sozusagen ein Versuch der Wiedergutmachung, der aber nichts bringt, der uns sogar in Gefahr bringt,. Erst das Bewusstmachen dieser unbewußten Liebe ermöglicht es, sie wie einen Kraftstrom umzuleiten und etwas Schönes daraus zu machen - etwas das dem Leben dient.

 

Wie sieht Ihre eigene Ausbildung aus? Wie bilden Sie sich weiter?

Verhaltenstherapie- Ausbildung, Zusatzausbildung in progressiver Muskelentspannung und Hypnotherapie, 14 Jahre Erfahrung in eigener Praxis, Selbsterfahrung in Achtsamkeits- Gruppen. Seit 2004 lerne ich von Bert und Sophie Hellinger durch Bücher, Videos, Fallkonferenzen und Teilnahme am Studiengang im Familienstellen an der Europäischen Jean-Monnet- Universität. Ich habe die beiden Hellingers kennen- und schätzengelernt und ihre Entwicklung mitverfolgt. Bert hat viele Therapiewege studiert und verglichen und das Familienstellen zu dem entwickelt was es heute ist, schreibt Bücher, leitet Seminare - auch jetzt noch mit bald 86. Er ermutigt Helfer  zu Vertrauen in die Selbstentwicklungskräfte und zu Zurückhaltung, damit der Klient eigene Schritte macht und seine eigenen Wurzeln findet. Sophie bringt Aspekte aus der spirituellen Energie-Arbeit mit ein und fühlt  körperliche Symptome der Klienten, ohne sie zu wissen,  am eigenen Körper. Wer die beiden kennt spürt ihre Liebe und Aufrichtigkeit und Sorgfalt.

 

Gibt es Forschungsergebnisse über die Nachwirkungen von Aufstellungen?

Für so tiefgreifende Veränderungen, wie sie hier beschrieben sind, sind die in der Forschung üblichen Fragebogentests nur ein unvollkommenes Werkzeug. Als Qualitätssicherung mache ich regelmäßig freiwillige Patientenbefragungen per email, einige der Rückmeldungen sind in die Fallbeispiele eingeflossen.

Eine Sammlung von Studien über Wirkungen von Familien-Aufstellungen: (Seite der DGFS, Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen): http://www.familienaufstellung.org/studien 

 

Wie verändern Aufstellungen unsere religiösen Vorstellungen?

Der Blick auf die ganze Familie, auch die Vergessenen, Verachteten und Ausgeschlossenen, führt zu einem Helfen "jenseits von Gut und Böse" - jenseits der Spaltungen, die durch vordergründiges moralisches Urteilen oder enge religiöse Dogmen erzeugt wurden. Wir lernen, tiefer und weiter als bisher zu verstehen und zu lieben.

 

Machen Sie die Seminare um den Menschen zu helfen, oder um andere das Familienaufstellen zu lehren?

Beides. Meist kommen Menschen die für sich und ihre Familie ein Anliegen haben. Immer mehr kommen auch Ärzte, Helfer, Lehrer, Führungspersönlichkeiten und Therapeuten zur Weiterbildung und Supervision. Oft bemerkt ein Helfer erst bei sich persönlich den Erfolg dieser ganzheitlichen Denkweise und wendet sie dann auch bei seinen Klienten an.

 

Was sind die Voraussetzungen, um das Familien-Aufstellen zu lernen?

Lebenserfahrung, Berufserfahrung, ein Herz für Menschen, Humor und Liebe. Sich um Einklang bemühen mit den eigenen Eltern und Familie. Eine positive Grundhaltung, dem Schicksal und dem Leben zustimmen. Man kann anderen den Weg nur so weit zeigen  wie man ihn selbst schon gegangen ist. Das ist ein lebenslanges Wachstum.


Was empfehlen Sie zum Lesen?

An der Quelle ist die Kraft am größten. Nach vielen Versuchen und Vergleichen (ich lese sehr viel!) kann ich die Bücher von Bert Hellinger von ganzem Herzen als Bestes empfehlen, sie berühren tief. Es gibt 80? Bücher von ihm selbst, es werden immer mehr, in viele Sprachen übersetzt.

In Bert Hellingers offizieller Seite www.hellinger.com gibt es die monatliche "Lebenshilfe-aktuell" - Zeitschrift online (in der Rubrik "Familienstellen").

Zum Beispiel „Die Liebe des Geistes“ oder "Alles ist weit" (Hellinger Publications, Bischofswiesen) oder  faßt seine Erkenntnisse auf dem neuesten Stand zusammen.

 

Dr. med. Günther Montag
dr.g.montag@gmx.net