Monday Seminars

Kurse von Jutta Montag und Dr. med. Günther Montag

Noch eine Meditation für "Retter": Die Schnapsbude

 

 

Nicht nur für Engel ist diese symbolische Reise gedacht...

 

Die Schnapsbude

 

Vor langer Zeit, in fernem Land, bei einer Kreuzung zweier Straßen, stand ein Gebäude, prächtig in Marmor und in Stahl, in buntem und in klarem Glas und Gold. Im weiten lichten Garten wuchsen Blumen und Heilkräuter. War es ein Sanatorium, Tempel, Universität, gab es überhaupt ein Wort für dieses Haus, in dem es alles gab, was zur Heilung und Gesundheit führte.

 

Und alle dort Verweilenden, auch die ambulant nur durch es eilenden, wurden dort gesund.

 

Und die dort wirkten, hatten Gaben und Heilkräfte. Spezialisten aller Fächer, der kleinen und der großen, sowohl chirurgisch, mit feinsten Instrumenten, endoskopisch und computerunterstützt, auch internistisch mit den ausgewähltesten und ausgefeiltesten genetischen, synthetischen, auch pflanzlich frisch gewachsenen, bei aller Kraft zugleich natürlich ungefährlich wirkenden Essenzen von dieser und von jener Art.

 

Den bösen Krankheiten genauso wie den scheinbar schweren,und auch den leichten rückte man dort sanft zu Leibe, voll Respekt den Leib der Kranken schonend und verschönernd.

 

Auch für die Seele sorgte man, fand die Zusammenhänge zwischen Nerven, Geist und Körper, löste den Widerspruch des Innenlebens auf mit Lachen und Gesang. Die Familie und die unsichtbaren Nabelschnüre, die zwischen uns durch Liebe wirken, wurden dort beachtet, was das im Seelischen Gespaltene vereinte. Mancher weinte, als er hinter seiner Wut und seinem Schmerz die Traurigkeit verspürte, die von einer frühen Trennung kam. Das Weinen setzte Liebe frei, Kraft zu Heilung und Entwicklung.

 

So wirkte man zufrieden, gut entlohnt, nicht nur mit Geld. Die Arbeit machte Freude und Erfolg, die Helfer und die Heiler waren dankbar. Ist das nicht ein Traum?

 

Nun, fragst Du Dich beim Hören dieses Lobes, wurden alle dort gesund? Noch nicht. Manche wollten nichts von Heilung wissen. Draußen saßen sie, palaverten und zogen weiter, auch im Regen, trotz Einladung ungeheilt. Dabei war doch der Eintritt dort für jeden zu erschwingen, und die Behandlung hätte doch nur eins gekostet: Arbeit an sich selbst.

 

Manche übten gar Kritik, dabei waren sie noch nie im Haus der Heilung dringewesen. Anderen erschien es als ihr Weg, ihr Nichtwissen zu zelebrieren, kränklich Tag für Tag zu vegetieren. Wer Helfer ist, kann sich gewiß an solche auch erinnern, und den Zustand tief in deren Innern.

 

Zur Auswahl gab es noch was Anderes. Seltsam zwar, von manchen kaum geduldet, mancher runzelte die Stirn, man rief, man solle es beseitigen. Doch andere betonten weise schmunzelnd, die schäbige Baracke, da hinten windschief hingebaut, sei aus einem tiefen Grund sehr nötig, Teil des Ganzen, Zweig der Willensfreiheit sozusagen.

 

Die Bretterbude, fast dem Einsturz nah, war angelehnt an eine Mauer von dem prächtigen Gebäude, wenn auch in Stil und Farbe gar nicht dazu passend.

 

Viele, die hinwollten, konnten nicht gleich herein, so stand vor dem Eingang eine Schlange - eine Menschenschlange.

 

Und in der Bude gab es Schnaps zu kaufen.

 

Mancher deckte sich dort ein für eine lange Reise, denn er war am Suchen - man sagt ja von der Sucht, sie sei die lange Suche. Andere, die kippten ihren Schnaps sofort hinter die Binde. Und hinter ihrer Bindung, hinter ihrer Rinde sah man ihren weichen und doch so harten Kern. Nicht jeder sah das Harte, vor allem nicht sie selbst.

 

Warum, so fragst du und ich auch, der Wunsch, sich zu zerstören und das Glück, das man nicht kommen lassen möchte? Muß man den Tod und Teufel kosten, vielleicht sogar drin baden, fast ertrinken, bis wir dann so schnell am Fallen sind, daß uns der Wind die Kleider reißt vom Leib? Müssen wir erst nackt sein, bis wir in die Arme einer Rettung stürzen können?

 

Wer bediente dort in jener Bude, wer war Täter, der die Menschen dort verführte? Dieweil er doch nur tat, was seine Kunden wollten, ihren freien Willen achtend. Was erstaunlich ist, ich weiß du glaubst es nicht, hinter jener Theke stand ein Engel.

 

Und was für Schnaps verkaufte er! Es herrschte Artenvielfalt. Was war nicht alles in den Flaschen eingebraut. Manches war als Heilmittel getarnt, doch giftig. In den Flaschen war viel Unsichtbares, wie es scheint. Schein der Macht, Schein des Sozialen, vielleicht sogar der Schein der Liebe. Täuschung gab es grob und fein zur Auswahl, und auf Wunsch auch Lüge pur. Das ganze, sozusagen.

 

Du fragst dich, kann ein Engel so was tun? Und manche fragten das auch ihn. Der Engel ging manchmal ins Hinterzimmer, weinte heimlich, liebend jeden, dem er was verkaufen mußte. Je eine seiner Tränen fiel in jede dieser Flaschen Schnaps.

 

Und seltsam war die Wirkung dieser Tränen.

 

Erst aber gingen sie, die Käufer, die für das Wenig das sie boten, so viel an Zerstörung sich gekauft. Sie gingen auch dahin, fort durch Schnee und Sturm und Regen oder Wüstenwind. Torkelnd, schwindlig, lallend und fast fallend, einsam.

 

Irgendwann, vielleicht erst nach Äonen, läßt die Berauschung nach von jener Droge und von jener Lüge.

 

Dann, erst dann, beginnt das Andere zu wirken, das heimlich in den Schnaps getropft - die Träne, die aus Liebe damals dieser Engel still um jeden einzelnen geweint. Seltsam - fühlt sich bitter an und brennend wie ein Feuer, ist es eine Flamme, Kerzenlicht? Zeigt es wie wir sind, und ist es Licht, das uns den Weg beleuchtet rückwärts und nach vorn? Erkennen wir darin uns selbst, als hinge nun an jeder Wegecke ein Spiegel? Finden wir den Sinn der Dinge und des Lebens, suchend nach der Sehnsucht in der tiefen Seele?

 

Einem dieser Wanderer, dem war, als wäre er auf einmal zwei. Er war zur gleichen Zeit die zwei Soldaten, die auf einem Schlachtfeld niedersanken damals, einst vor langer Zeit. Beide miteinander eng verfeindet. Sich gegenseitig einen Todesstoß versetzend, am selben Platz dort auf die Erde fallend, auf der Erde liegend sich dann nicht mehr rühren konnten, schwer verwundet aber noch nicht tot.

 

Ein altes Mütterchen kam dann vorbei, schaute ob noch was zu helfen sei, und fand die zwei. Brachte einen Topf mit warmer Suppe und auch einen Löffel. Kniete sich da hin in ihrer Schürze auf die Erde, gab dem einen, dann dem andern, dann dem einen, dann dem andern immer wieder einen Löffel von der Suppe, liebend und mit Mitgefühl auf beide schauend. Denn sie dachte, beide habt ihr eine Mutter. Beide habt ihr einen Vater.

 

Sie schauten auf die Alte und erkannten jenen Engel. Schauten auf einander und erkannten ihren Bruder und sich selbst. Schlossen dann die Augen, um zu schlafen. Schlaf ist unser kleiner Tod. Träumten und erkannten ihre Mutter und erkannten ihren Vater, gaben beiden einen Platz in ihrem Herz. Und erkannten ihre Liebe, ihr Daheim.

 

Dann, nach einem langen Schlaf ..... ging der Wanderer allein den langen Weg nach Haus.

 

Er kam an die Kreuzung der zwei Straßen, zu der Bude, dankte dort dem Engel, schaute in die Augen jener die dort standen, mit dem Plan, wie einst auch er, Schnaps zu kaufen, der sie in die Ferne bringen würde und zurück.

 

Ihm war, als schaue er zurück und in die Ferne. Sah das Licht, am Anfang und am Ende dieses Weges, das auf uns alle scheint. Und lächelte mit Wissen und mit Güte.

 

Dann ging er ins Haus der Heilung, machte eine Therapie.

 

Später fand er einen Platz als Helfer dort.

 

Zusätzlich, nach einer Zeit, geschah noch etwas Kleines.

 

Jemand sagte, nebenan die Bude suche eine Aushilfskraft.

 

Da war er gleich dabei... und lachte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. med. Günther Montag

Allgemeinarzt, Psychotherapeut

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