Die Angst ist wie ein unsichtbarer Hund.
Eine heilsame Geschichte über den Umgang mit der Angst.
Die Angst ist wie ein unsichtbarer Hund.
Ein Mann hatte Angst. Er wollte Motorrad fahren lernen. Er sagte zu seinem unsichtbaren Hund: "Komm, setz dich hinten hin. Dann fahren wir." So ging es gut.
Ein anderer machte es anders.
Der hatte auch einen unsichtbaren Hund. Da der Mann allein lebte und den Hund sehr liebte, kochte er sogar das Essen für sich selbst und den Hund im gleichen Topf.
Der Mann blieb meist in seinem Haus. Sein Motorrad rostete im Schuppen traurig vor sich hin.
Einmal klingelte es an seiner Tür. Der unsichtbare Hund bellte, wedelte mit dem Schwanz und lief zur Tür. Der Mann machte nicht auf. Irgendwann ging der Besucher weg.
Wieder einmal kam ein Besucher. Wieder bellte der Hund. Der Mann rief aus dem Fenster: "Geh weg. Ich kann dich nicht reinlassen. Mein Hund bellt." Der Besucher ging und kam nicht wieder.
Auch mit anderen Besuchern trieb der Mann das gleiche Spiel. Immer gab es einen Grund sie wegzuschicken - den Hund.
Dem Leser sie hier aber heimlich mitgeteilt: Der Mann schaute heimlich aus dem Fenster, sah die Besucher wieder gehen und genoß ganz heimlich seine heimliche Macht...
Was das aber wohl alles für Besucher waren - der Mann wird es nie erfahren. Es waren vielleicht Freunde und Verwandte, vielleicht sogar die Eltern, ein- oder zweimal kam eine Frau mit der er hätte glücklich werden können,
vielleicht waren es als Menschen verkleidete Stimmen aus dem Inneren des Mannes, vielleicht waren es sogar Gefühle aus seiner Tiefe. Es waren freundliche Gelegenheiten. Es waren Herausforderungen, die Wachstum versprachen. Man munkelt, es wäre sogar mehrmals ein Engel, in Verkleidung natürlich, an der Tür gewesen, unauffällig und höflich, und auch der mußte traurig wieder weggehen. Denn der Mann machte nicht auf, weil ja sein Hund bellte. Was das wohl alles für Besucher waren - der Mann hat es nie erfahren.
Lange, lange kam kein Besucher in das Haus und in das Herz des Mannes. Immer seltener klingelte es an seiner Tür. Mit der Zeit bellte der Hund immer heftiger, denn er wurde immer aufgeregter, wenn dann doch jemand klingelte.
Irgendwann merkte der Mann, daß etwas fehlte und etwas nicht in Ordnung war.
Nun gab er seinem Hund die Schuld. "Du bist an allem schuld. Wenn du nur nicht so laut bellen würdest..."
Er hatte eine Idee. Leider war es die falsche. Er meinte, würde der Hund nicht mehr so bellen, dann könnte er doch die Tür öffnen. Und so wollte er den Hund beruhigen.
Er redete mit sehr logischen durchdachten Argumenten mit seinem Hund. Er begann dann, dessen Kindheit zu analysieren, und so einen Grund für sein lautes Bellen herauszufinden. Nichts half. Irgendwann bekam er sogar Angst vor seinem eigenen Hund. Nun schlief der Hund übrigens im Bett des Mannes, und der Mann am Boden.
Einmal griff der Mann sogar zu einer drastischen Methode, nämlich zu einer beruhigenden Medizin. Da er es gewohnt war, das Essen für sich und seinen Hund zusammen im gleichen Topf zu kochen, mischte er diese Medizin in das gemeinsame Essen.
Der Hund bemerkte den anderen Geruch und schnüffelte etwas seltsam. Als er aber sah, daß sein Herr das Essen aß, aß er es auch.
Als es dann wieder einmal an der Tür klingelte, bellte der Hund etwas schwächer und es klang verwaschen, und der Mann torkelte langsam, und er war auch etwas gleichgültig, so werden wir nie erfahren ob er nun die Tür nicht öffnen wollte oder konnte.
Mit der Zeit erhöhte der Mann die Dosis.
Irgendwann aber, trotz der hohen Dosis, fragte sich der Mann, "soll das alles sein?". Er stellte sich ein mögliches Ende der Geschichte vor:
Irgendwann würde keiner mehr kommen. Der Hund würde nicht mehr zu bellen brauchen. Der Mann würde einsam sterben, und sein Hund kurz nach ihm. Lange würde es niemand merken, erst nach einigen Wochen - der Geruch... Man würde sie hinaustragen. Es wäre aus...
Traurig schaute der Mann aus seinem Fenster.
Da sah er in der Ferne ein Motorrad vorbeifahren.
Darauf saß ein Mann, der eine, von vorhin. Und auf dem Rücksitz ein Hund. Den beiden schien es recht gut zu gehen.
Wäre das nicht eine Idee?
* * *
in einem Aufstellungs- Seminar hatten wir die Idee, eine Stellvertreter-Person auch für das Symptom "Angst" aufzustellen, mit erstaunlichem Ergebnis: Am Ende hatte sich der Teilnehmer mit seiner Angst angefreundet, weil er gemerkt hatte: Die Angst will mir etwas wichtiges zeigen. So bekam die Stellvertreterin für die Angst einen angemessenen Platz, ohne sie hätte was gefehlt.