Phantasie-Reise für einen Rettungsdienst-Mitarbeiter, um schwere Einsätze zu verarbeiten


Ein Mitarbeiter im Rettungsdienst litt unter Alpträumen, in denen es um schwere Einsätze ging, die er erlebt hatte.

Eines Tages aber hatte er aber diesen merkwürdigen Traum:

Er war mit einem freundlichen Begleiter in seinem Fahrzeug unterwegs. Es war um die Mittagszeit. Über Funk kam ein Auftrag von der Rettungsleitstelle: "Bitte Funk abschalten und über Draht kommen."

Seltsam...

Sie schalteten das Funkgerät aus und riefen mit dem Handy bei der Leitstelle an.

Zuerst war nur ein Rauschen in der Leitung.

Dann meldete sich eine unbekannte Stimme. Sie klang wie von weit entfernt:

"Haben Sie den Funk ausgeschaltet? Sie werden freigestellt. Das ist ein Sondereinsatz. Ohne Sondersignal. Ohne Eile. Entspannen Sie sich. Machen Sie erst einmal Mittagspause. Danach melden Sie sich wieder."

Es knackte in der Leitung. Weg war die Stimme.

Seltsam...

Das mit der Mittagspause ließen sie sich aber nicht zweimal sagen.

Bei einem beliebten Döner-Restaurant in der Stadtmitte holte sich der eine seinen Döner. Es heißt ja, Döner macht schöner. Der andere aß etwas Mitgebrachtes. Sie ließen es sich erst mal schmecken. Ganz in Ruhe.

Dann meldeten sie sich wieder über das Handy bei der Rettungsleitstelle.

Wieder das seltsame Rauschen in der Leitung. Wieder die Stimme, ganz von fern:

"Dies ist ein Rettungsdienst-Einsatz. Aber kein üblicher. Äußerste Zurückhaltung ist geboten. Sie fahren die Zeitachse rückwärts. Sie fahren zum Sammelplatz. Ohne Sondersignal. Fahren Sie langsam."

Es knackte, und dann war es still. Ganz still.

"Zeitachse" - noch nie gehört. Der eine suchte im Stadtplan im Register. Er fand keine solche Straße. Auch der Navigator meldete einen Fehler. Der andere schaute nach draußen. Da war etwas, was vorher nicht da war. Rechts hinten. Ein altertümliches Straßenschild. "Zeitachse" stand darauf. Sie wollten rückwärts in einer Einfahrt wenden, aber auf einmal konnten sie auch nicht mehr steuern. Ihr Auto fuhr weiter rückwärts, die Zeitachse entlang. Seltsame Häuser, seltsame Menschen, und ein seltsames anderes Wetter war da. Aber doch war alles wie gewohnt. Als wäre man schon einmal da gewesen.

Die Zeitachse mündete in einem großen Platz. Auch hier war so ein seltsames Straßenschild: "Sammelplatz". Das Auto parkte von selbst rückwärts ein. Seltsam. Und doch irgendwie vertraut. Ein großer leerer Platz. Sehr still.

Dann sahen sie es. Da hinten am anderen Ende parkten viele Rettungsdienstfahrzeuge. Und Polizeifahrzeuge. Und Feuerwehrfahrzeuge. Menschen liefen herum. Seltsam daß man fast nichts hörte. Das Eigentliche war hinter einer großen hohen weißen Mauer mitten auf dem Platz verborgen.

Die beiden wollten Koffer und Sauerstoff aus dem Fahrzeug nehmen und im Laufschritt um die Mauer herumlaufen.

Da sahen sie auf einmal eine rote Leuchtschrift auf der Mauer: "Nichts mitnehmen. Langsam gehen. Ruhig atmen. Aufstellung hier." Und da war ein roter Pfeil, mitten auf der großen hohen Mauer, der zeigte genau nach unten, genau in der Mitte der Mauer. Nichts war dort, nur leerer Raum. Sie wären gern um die Mauer herumgelaufen. Aber wie von magischer Kraft gezogen mußten die beiden zur Mitte der Mauer gehen, genau dorthin wo der Pfeil auf den Boden zeigte, und dort stehen bleiben.

Als sie bei der Mauer angekommen waren, veränderte sich die Mauer.

Die Leuchtschrift verschwand. Der Pfeil verschwand.

Die ganze Mauer wurde grau. Nur ihr Sockel, ein Meter hoch, blieb weiß. Auf ihm erschien eine andere Leuchtschrift. Eine Laufschrift. In großen roten Buchstaben. Sie lief langsam vorbei. Immer nur die zwei Worte:

Nur schauen. Nur schauen. Nur schauen. Nur schauen. Nur schauen. Nur schauen. Nur schauen.

Und auf einmal war der obere Teil der Mauer weg. Der Sockel mit der Leuchtschrift war noch da. Er war jetzt eine halbhohe Brüstung.

Die beiden schauten über die Brüstung und beugten sich vor. Weit konnten sie sich nicht beugen, denn da war jetzt etwas wie eine unsichtbare Glaswand. Gut so, sonst wären sie herübergesprungen. Da war nämlich ein Einsatz. Ein großer sogar. Mehrere Verletzte oder Kranke lagen auf dem Boden. Blut. Manche unruhig, manche bewußtlos. Rettungskräfte dabei. Bei jedem Verletzten einige. Sie knieten auf dem Boden und versorgten, untersuchten, lagerten, legten Zugänge, verbanden, reanimierten, intubierten, manche liefen herum, schrieben Zettel und riefen Meldungen in Funkgeräte, alles was so dazugehört. Der eine der beiden Zuschauer erkannte sich selbst, wie er da bei einem Patienten kniete und etwas machte. Er erinnerte sich. Ja, das war doch damals. Der andere sah einen anderen Einsatz, aber er erkannte auch sich selbst von hinten. Vielleicht sah er sich selbst sogar mehrmals, bei verschiedenen Einsätzen. Und beide sahen so manche bekannte Gesichter. Aufgeregte Stimmen hörten sie gedämpft durcheinanderrufen. Ängstliche und solche, die den Befehlston gewohnt waren. Koffer und Tragen wurden hin und her getragen, geöffnete Koffer standen auf dem Boden herum. Trümmer lagen umher. Viele Helfer hatten Jacken an, in den verschiedenen Farben ihrer Organisationen.

Auf den Rücken standen bei vielen ihre Bezeichnungen, wie "Rettungsdienst", "Rettungsassistentin", "Notarzt", "Notärztin", "Feuerwehr", und etwas abseits stand jemand, der nicht verletzt erschien, aber Schmerz war in seinem Gesicht, und neben ihm stand einer auch in so einer farbigen Jacke, hatte den Arm um ihn gelegt, auf seinem Rücken stand "Notfallseelsorger", und beide schauten in eine bestimmte Richtung.

Die beiden Zuschauer konnten nichts tun. Aber sie wurden ruhiger. Da drüben waren ja auch sie selbst, sogar mehrmals, in einer anderen Zeit. Sie taten da ja schon was sie konnten. Und ihre Kollegen. Bekannte und unbekannte Gesichter. Sie schauten lange. Ihre Blicke gingen von einem Schauplatz zum anderen. Sie sahen wie manche der Patienten langsam ruhiger wurden. Vielleicht weil die Medikamente wirkten. Vielleicht weil sie in Narkose schliefen. Vielleicht aber auch, weil sie starben.

Und noch etwas anderes sahen sie.

Bei den Kranken und Verletzten und Sterbenden, die auf dem Boden lagen, da wurden jetzt noch andere Gestalten sichtbar. Erst wenige, dann wurden es immer mehr. Etwas unscheinbar zuerst knieten sie neben den Köpfen, oder hielten sie ihnen die Hand, oder schauten sie liebevoll auf sie - wie wenn sie erst unsichtbar gewesen wären und nun nach und nach sichtbar würden. Auch hatten die nicht so auffällige Klamotten an.

Neben einem bewußtlosen jungen Mann hockte am Boden still versunken und nachdenklich ein Mann. Auf seinem Rücken konnte man auf einmal lesen: "Bruder".

Bei einem verletzten Kind knieten ein Mann und eine Frau. Auf ihren Rücken stand "Mama" und "Papa".

Da war auch noch zum Beispiel eine Gestalt, die sich liebevoll über einen Verletzten Mann beugte, sie sah aus wie ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren, auf ihrem gestrickten Pullover erschienen auf einmal am Rücken seltsame Zeichen, wie aus einer fremden Sprache, die sich zu Buchstaben formten und auf einmal lesbar wurden: "Schicksal"

Jemand anders trug ein Kind - an seinem Ärmel war eine Armbinde - man mußte genau hinschauen um die kleinen leuchtenden Buchstaben erkennen zu können: "Engel".

Und wo trug er es hin?

Etwas abseits von der Szene, in einer bestimmten Richtung, stand ein älterer Mann, dunkel gekleidet. Auf den ersten Blick war seine Gestalt etwas unheimlich, und man erschrak vor ihm. Aber wenn man in sein Gesicht sah, strahlte daraus eine eigentümliche Milde. Sein Name war, und auch auf seinem Rücken stand es, "Tod".

Er stand da sehr ruhig.

Und es wurde langsam ruhiger.

Unsere beiden Freunde, die beiden Rettungsdienstmitarbeiter, standen lange stumm da und schauten zu. Manchmal mit Tränen.

Langsam wurde es auch ruhiger in ihnen. Und die Tränen waren befreiend. Etwas floß ab aus ihnen, das sie nicht länger hätten halten können.

Nun sahen sie einen größeren Zusammenhang. Nun fanden sie einen Einklang, der ihnen bisher verborgen geblieben war.

Und langsam, sehr langsam zogen sie sich zurück.

Sie gingen ein paar Schritte rückwärts und schauten nur noch von ferne.

Und in ihrer Seele formten sich Worte, die beschrieben, was sie nun tun konnten, nachdem sie alles gesehen hatten.

Während ihr Blick von einem der dort Liegenden zum anderen ging, verwandelte sich ihr Schmerz in eine Kraft, und sie konnten zu dem einen oder anderen sagen, je nach dem:

"Ich lasse dich bei deinen Helfern."

"Ich lasse dich bei deinen Eltern."

"Ich lasse dich bei deiner Familie."

"Ich lasse dich bei deinem Schicksal."

"Ich lasse dich bei deinen Engeln."

"Ich lasse dich bei deinem Tod."

Und als es Zeit war, wandten sie sich ab.

Sie gingen wieder über den leeren weiten Platz, und es war, wie wenn ein warmer Wind von jenem Sammelplatz kam, wie ein warmer Wind im Frühling, der sie voranbrachte und ihnen Mut machte, hier zu bleiben auf dieser Erde und zu wachsen und zu leben und zu bauen und zu trinken und zu essen und das Leben weiterzugeben und manchmal auch mit dem richtigen Maß zu retten und zu helfen.

Aber nur ein kleines bißchen und im richtigen Maß, so wie es die große Seele erlaubt.