Systemisches Denken und Religion
- Ist systemische Beratung und Religion vereinbar?
- Gibt es Widersprüche zwischen systemischen Erkenntnissen und Glaubensinhalten?
- Können religiöse Menschen durch systemische Wahrnehmung ihren Glauben erweitern?
- Sollen systemische Berater religiös sein?
- Ist systemische Lebenshilfe auch für nicht-religiöse Menschen geeignet?
- Ist systemische Beratung und Religion vereinbar?
Das Wort "Religion" kommt aus dem lateinischen "re-ligere", das heißt "wieder verbinden". Genau dies versuchen wir mit den systemischen Interventionen.
Die Grundhaltung dabei ist Achtung vor den Eltern, der Familie, der Partnerschaft, und auch Achtung vor dem Schicksal und dem Größeren, das uns trägt.
Das Ziel ist, mit all diesen wieder in Einklang zu kommen, also die Versöhnung.
Die Kraft, die hier wirkt, ist die Liebe, also die größte und wichtigste Kraft im Universum.
- Gibt es Widersprüche zwischen systemischen Erkenntnissen und Glaubensinhalten?
Und zwar mit Glaubenssätzen, die urteilen, richten, trennen und ausschließen.
Manche Glaubensgemeinschaften neigen dazu, voreilig zwischen "gut" und "böse" zu unterscheiden und damit andere zu richten - sogar so weit daß sie meinen, sicher zu wissen, was nach dem Tod mit den anderen geschieht.
Merkwürdig ist: Gerade in diesen besonderen Gruppen sind oft auch Menschen aus Familien, in denen es Ausgeschlossene gibt.
Immer wieder sehen wir dann: Die ausgeschlossene Person wird durch eine andere Person in der Familie, oft ein Kind, vertreten.
Das kann sich an diesen Symptomen zeigen:
- Unerklärbare Abneigung zum Ehepartner oder zu Kindern
- Unversöhnlichkeit - trotz Beteuern von "Vergebung" ändert das nicht
- Religiöses Abheben und Fanatismus
- Glaubenszweifel und Angst vor Strafe
- Mit Schuldgefühlen verbundenes Helfen ("Helfersyndrom") mit
- "Burnout" (Ausgebranntsein, Erschöpfung)
- Depression
- Gefühle von "okkulter Belastung"
- Ängste und Zwänge
- Verspannungen und chronische Schmerzen
- Psychosomatische und schwere körperliche Krankheiten
- im Extremfall: Wahn und Psychosen.
- Können religiöse Menschen durch systemische Wahrnehmung ihren Glauben erweitern?
Als systemischer Familien-Berater schaue ich in Gedanken die ganze Familie meiner Klienten an. Ich gebe den Vergessenen, Verachteten und Ausgeschlossenen einen Platz in meinem Herz.
Mir ist auch bewußt, daß wir alle von größeren Kräften gehalten und geführt werden, und in größere Zusammenhänge eingebunden sind, die wir achten müssen.
Eine systemische Beratung beginnt damit, diese verborgenen Beziehungen sichtbar zu machen, sie - wenn möglich - zu verstehen und erst einmal anzunehmen. Womöglich geht das erst, nachdem ein heilsames Erschrecken überwunden ist.
Im nächsten Schritt helfen wir dem Klienten, innerhalb seines Systems den angemessenen Platz einzunehmen, und auch den anderen ihren Platz zu geben. Sein inneres Bild seiner Familie wird dabei mit Achtung vor jedem so umgestellt, daß jeder im Blick ist. Getrennte werden zusammengeführt. Ein innerer Prozeß der Versöhnung wird angeregt.
So können wir die Liebe erleben, die von weit her (manche sagen: von Gott) durch unsere Eltern und Familie zu uns fließt.
Das macht uns dankbar, erzeugt neuen Glauben und neue Ausstrahlung, die auch heilsam auf unsere Mitmenschen wirkt.
Wir sehen die Menschen anders, und können auch neu und liebevoller auf sie zugehen. Das Ausschließen hört auf.
Religiöse Menschen haben berichtet, daß nach einer solchen Erfahrung ihr Glaube tiefer und schlichter geworden ist. So brauchen sie nicht mehr so viel von ihren Überzeugungen zu reden und zu beteuern. Sie sind ruhiger geworden.
Manche sagten auch, daß sie nun beim Beten nicht mehr so viele Worte machen müßten, weil sie spüren daß gute Mächte unabhängig von ihrer Anstrengung bei ihnen sind.
Sie fühlen sich "in die Weite geführt".
- Sollen systemische Berater religiös sein?
Ich wage das zu behaupten.
Es erleichtert die Arbeit ungemein! Es macht das Helfen in manchen Tiefen erst möglich!
Ich weiß aber auch daß manche Helfer zuerst kaum an Religion gedacht haben, in das systemische Denken nach und nach hereingewachsen sind, immer mehr gemerkt haben daß die Liebe das ist, was heilt, und immer mehr Ehrfurcht vor etwas Größerem, das uns beim Helfen führt, gewonnen haben.
Nicht nur Klienten, auch Helfer sind dabei in ihren Glaubensvorstellungen mehr "in die Weite" geführt worden.
- Ist systemische Lebenshilfe auch für nicht-religiöse Menschen geeignet?
Egal was man glaubt oder nicht, jeder weiß daß Liebe wichtig ist, und daß Ausschließen einsam macht. Jeder möchte irgendwo dazu gehören.
Die Beratung und die Seminare hat auch sehr "nüchternen" oder "rationalen" Menschen schon geholfen, zu sehen, daß sie ein Herz haben, das sich tief innen nach Liebe sehnt und lieben möchte. Egal wie es außen herum aussieht.
Allerdings: Was nicht ist, kann noch werden - wenn man erlebt, wie stark das Unsichtbare auf uns wirkt, erfaßt einen das Staunen ...